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Wer entscheidet darüber, ob ein Talent bleibt? Nicht die Benefits-Broschüre, nicht dieArbeitgeberkampagne – sondern in den meisten Fällen die direkte Führungskraft. Während viele Unternehmen weiter in Recruiting-Budgets investieren, verschiebt sich der eigentliche Hebel: vom Gewinnen zum Halten, von der HR-Abteilung zur Führung im Alltag.
Die Datenlage ist eindeutig. Laut den aktuellen Benchmark-Analysen der Employee-Experience-Plattform Culture Amp trägt Deutschland im internationalen Vergleich das höchste Risiko, dass Mitarbeitende innerhalb der nächsten zwölf Monate kündigen. Weltweit sind bereits 20 Prozent der Beschäftigten aktiv auf Jobsuche. Der mit Abstand wichtigste Kündigungsgrund: fehlende Karriereperspektiven – 41 Prozent der Wechselwilligen nennen ihn an erster Stelle, deutlich vor Work-Life-Balance und Vergütung. Wer gehen will, geht selten wegen des Gehalts. Er geht, weil niemand seine Entwicklung ernst nimmt.
Genau hier kommt die Führungskraft ins Spiel. Gallup zeigt im «State of the Global Workplace» seit Jahren, dass rund 70 Prozent der Unterschiede im Team-Engagement auf die direkte Führungskraft zurückgehen. Zugleich offenbart der aktuelle Report eine paradoxe Entwicklung: Das Engagement der Führungskräfte selbst ist weltweit von 30 auf 27 Prozent gesunken – und nur 44 Prozent der Managerinnen und Manager haben je ein Führungstraining erhalten. Die Personen mit dem grössten Einfluss auf Bindung und Leistung sind also häufig am wenigsten darauf vorbereitet.
Was Mitarbeitende von ihrer Führung konkret erwarten, zeigt eine Befragung der Hochschule Ludwigshafen und der Personalberatung Hays unter rund 1000 Entscheidern im deutschsprachigen Raum, über welche die Wirtschaftswoche berichtete: Anerkennung für gute Leistungen (73 Prozent), ein fairer Umgang auf Augenhöhe (61 Prozent) und ausreichend Zeit für die Teammitglieder (54 Prozent) wirken am stärksten auf die Bindung. Dahinter steht ein unbequemer Befund: Jede noch so gut gemeinte Retention-Massnahme kann durch das Verhalten der Führungskraft konterkariert werden. «Führung ist am Ende des Tages das, was entscheidend ist», bringt es Hays-Berater Oliver Kowalski auf den Punkt.
Was zeichnet jene Führungskräfte aus, die Talente tatsächlich entwickeln und halten? Eine neue Untersuchung der Ökonomin Virginia Minni (University of Chicago), publiziert in der HarvardBusiness Review, liefert eine überraschende Antwort. Auf Basis von Daten zu 200'000 Mitarbeitenden und 30'000 Führungskräften in fast 100 Ländern zeigt sie: Die besten Managerinnen und Manager schaffen Wert nicht primär durch Motivation oder Kontrolle, sondern durch Passung. Sie erkennen, wo Stärken liegen, und bringen Menschen in Rollen, in denen diese Stärken wirken können. Nicht wie stark eine Führungskraft antreibt, entscheidet – sondern wie gut sie platziert.
Für die Praxis ergibt sich daraus ein klarer Handlungsrahmen entlang von drei Aufgaben. Erstens: Talente erkennen. Das verlangt mehr als das jährliche Beurteilungsgespräch – nämlich echtes Interesse an Stärken, Ambitionen und der Frage, ob die aktuelle Rolle noch passt. Zweitens: Talente fordern. Culture Amp empfiehlt quartalsweise Entwicklungsgespräche, die sich der Karriereperspektive widmen statt der Leistungsbewertung. Gerade wenn Beförderungsbudgets knapp sind, signalisieren solche Gespräche: Deine Entwicklung ist uns wichtig. Drittens: Talente halten – durch Transparenz und Verlässlichkeit. Nachvollziehbare Entwicklungs- und Bewertungsprozesse stabilisieren das Engagement selbst dann, wenn der nächste Karriereschritt auf sich warten lässt.
Für Unternehmen bedeutet das ein Umdenken: Talentmanagement gehört nicht ins Pflichtenheft der Personalabteilung, sondern in die Rollenbeschreibung jeder Führungskraft. HR schafft Strukturen, Instrumente und Durchlässigkeit – doch ob ein Talent Perspektive erlebt, entscheidet sich im Gespräch mit der oder dem direkten Vorgesetzten. Die gute Nachricht aus der Gallup-Forschung: Bereits ein grundlegendes Führungstraining halbiert den Anteil aktiv unzufriedener Führungskräfte. Selten liegen Problem und Lösung so nah beieinander.
Führung entscheidet damit über die zentrale Ressource der kommenden Jahre – nicht Stellenanzeigen, nicht Boni, sondern die Fähigkeit, Potenziale zu erkennen, Entwicklung zu ermöglichen und Vertrauen zu verankern. Wer diese Aufgabe systematisch angeht, gewinnt doppelt: leistungsfähige Teams heute und Bindung morgen.
Wie Sie Talente gewinnen, binden und entwickeln, vertieft die Management School St.Gallen am Impulstag «Talente gewinnen, binden und entwickeln».
Aktuelle Termine, Informationen und Anmeldung: www.mssg.ch/talentegewinn